Wie alles begann – oder: innere Stärke für Anfänger


Ich verfolge schon eine Weile den Coaching – und Therapeutenmarkt und bin begeistert, wie viele scheinbar das perfekte Leben jetzt leben. Sie haben alles: sich aus einer Krise hervorgearbeitet, sämtliche Hindernisse überwunden um anschließend ihren Coachees beizubringen, wie auch sie ihr perfektes Leben aufbauen können. Herrlich, oder? Ich gebe also mein Leben in die Hände richtiger Fachmänner bzw. -frauen und habe gleich alles, was ich mir je erwünscht habe. Klingt traumhaft! Was aber immer wieder vergessen wird: Das ist gar nicht mal so einfach! Man muss verdammt viel tun, um sich immer weiterzuentwickeln! Und das ist verdammt schwierig und zum Teil sehr frustrierend. Mein absoluter Favorit „Du musst nur positiv denken und dann wird alles gut!“. Ach, wenn es doch so einfach wäre….


Coaching Forte – mit einem Klick zum ultimativen Erfolg….


Ja, ich weiß, ich bewerbe mich gerade selbst als Coach und schreibe solche Sachen. Total kontraproduktiv…. Wahrscheinlich haben mich meine langjährigen Erfahrungen als Ergotherapeutin im psychischen Bereich so gemacht. Ich habe viele großartige Menschen begleitet – und einfach war es für diese Menschen nie. Es war ein Entwicklungsprozess, der sich langsam, aber stetig in den Gedanken manifestiert. Ein täglicher Kampf gegen alte negative Glaubenssätze, Gedankenmustern und einem widrigen Alltag. Jeden Tag, zum Teil jede Stunde. Alles muss abgewogen werden – ach ja, Selbstfürsorge und Co sollen ja auch noch berücksichtigt werden. Was eine Arbeit…. Und kaum eine Spur von Leichtigkeit.


Und ich kenne es auch aus meiner Geschichte.


Kurz zu meiner Person: ich heiße Christiane, bin noch in den Dreißigern und habe alles, was das Herz so begehrt – einen tollen Mann, zwei Mädels, ein Hund, ein Haus mit Garten. Klingt gut, oder? Mein Leben verlief für Außenstehende eher unspektakulär. Ich bin als jüngste von vier Geschwistern geboren – war vom Alter her ein richtiges Nesthäkchen-, war ganz normal in Kindergarten, Grundschule, Realschule, Abitur. Anschließend Ausbildung zur Ergotherapeutin. Dann erste Erfahrungen gesammelt, nebenbei studiert, geheiratet…. So weit so unspektakulär.


Was wirklich dahintersteckt – oder des Pudels Kern


Was keiner wusste, dass hinter dieser Fassade ein großer Haufen an Unsicherheiten, negativen Glaubenssätzen, Suchterfahrungen der eigenen Eltern, Depression der Mutter und Suizid des Stiefvaters steckten. Ich habe in dem Fall Glück, dass ich ein optimistischer Mensch bin, über eine gewisse Resilienz verfüge und ein Meister der Anpassung (damals ) war. Außer Familien (besonders die in der Nachbarschaft), die meine Situationen kannten, hatte nie einer eine Ahnung – und weiß es bis heute nicht. Allerdings war ich auch eine Meisterin der Verdrängung. Im Nachhinein hat sich das mehr als deutlich gezeigt – so habe ich als Kind oft mit Dingen angegeben, die ich nie hatte oder im weiteren Alter hat sich das körperlich manifestiert mit einem ausgeprägten Reizdarmsyndrom. Und ich war so verdammt unsicher – ich habe mir nie etwas zugetraut, hab mich ständig in Frage gestellt und habe immer den leichteren Weg genommen, in der Annahme, dass ich nicht in der Lage wäre, mich zu behaupten.


Als sich mein Stiefvater vor 16 Jahren das Leben nahm, war es das erste Mal, dass ich aktiv Hilfe einer sehr kompetenten Psychotherapeutin annahm. Sie war echt kompetent und ich war die Musterschülerin. Habe brav das gemacht, was sie mir sagte. Und nahm hin, dass sie mir immer sagte, ich könne das sein, was immer ich sein wollte. Mmh… das habe ich abgenickt und wieder verdrängt.


So lebte ich weiter und baute mir mein Leben mit meinem Mann auf. Ganz klassisch. Von außen gesehen. Aber immer noch war ich gebeutelt von Versagensängsten und meinem netten Reizdarm, der mir zeigte, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – scheiße das doch alles war. Klar hatte ich auch einen guten Kontakt zu meiner Mama. Und habe ihr immer wieder zugehört, als sie mir immer wieder von der Vergangenheit erzählte und „Ich konnte es einfach nicht ändern und ich wollte doch nur das Beste“. *seufz*


Das Umdenken


Mein Umdenken fing mit der Geburt meiner ersten Tochter vor gut neun Jahren an. Und als ich das kleine Geschöpf so hielt, bekam ich eine wahnsinnige Wut auf meine Mutter. Was hatte sie mir da angetan? Warum mussten meine Geschwister und ich das machen, was Kinder nie tun sollten? Warum durften wir nie Kind sein, sondern mussten immer auf der Hut sein? Warum schon so früh Verantwortung tragen? Das Gute an der Situation: ich konnte meinem Mann ohne Bedenken mit unserer Tochter nach Krasnodar/ Südrussland folgen. In dem Moment hatte ich nichts, was mich noch in der Heimat hielt – und es rechtfertigen würde, eine Fernbeziehung über tausende Kilometer zu führen. Diese räumliche Distanz gab mir eine Freiheit – und zwar mich selbst ein Stück weit zu finden. Auszuprobieren, wer ich denn wirklich bin. Und dass ich doch viel mehr Mut habe, als ich jemals dachte. Einen normalen Alltag in einem Land aufzubauen, in dem du nur die Sprache etwas verstehst und die von der Mentalität anders sind ist schon eine Herausforderung. Und kleine Erfolge haben mich stolz gemacht. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich noch stolz wie Oskar aus einer kleinen Bäckerei mit einem selbst bestellten Kaffee und einem Teilchen rauskommen. Dieses Wissen gab mir einen gewissen Input, aber die unterschwellige Wut auf meine Mutter blieb.


Meine Kleine wurde geboren, wir haben ein Haus gekauft, sind in eine andere Stadt gezogen und das Leben ging weiter. Dadurch, dass meine Kleine sehr viel Förderung brauchte und ich gefühlt nur von Arzt zu Arzt/ Therapeuten fuhr war ich wieder eine Meisterin des Verdrängens. Beziehungsweise hatte einfach nicht die Zeit und die Muse, über alles nachzudenken. Nichtsdestotrotz war ich tierisch stolz auf unsere Zeit in Russland, die mir nicht nur mehr Mut, sondern auch Selbstvertrauen schenkte. So wurde ich also eine richtige Familienmanagerin – Termine organisieren, beiden Mädels gerecht werden, Haus und Garten, etc. Und was bekam ich? Meine Schutzschicht – die Haut – zeigte deutlich, dass ich innen nicht so stark war, wie ich gerne wäre. Und natürlich habe ich nicht auf mich gehört.


Der richtige Weg begann


Irgendwie kam ich dann über eine Praxis, in der ich zu der Zeit arbeitete, zu einem NLP Basic Seminar in Fulda. Ich war so aufgeregt und genoss die Zeit allein. Und dann kam der Satz, der mich so dermaßen innerlich traf. Bei einer Eingangsübung, in der wir unsere Gegenüber einschätzen und in der Gruppe unseren „Leitsatz“ vorstellen mussten, fanden zwei Teilnehmer, dass ich eine frustrierte Hausfrau wäre. Das hat mich so enorm getroffen, dass ich an dem Wochenende keine Lust mehr hatte, mit den beiden Teilnehmern zu reden. Passenderweise war dann auch mein Leitsatz „The trick about life ist to make it look easy“.


Und so war es auch bei mir. Irgendwie fühlte ich mich wie eine eierlegende Wollmilchsau – mit dem Auftrag, bloß nicht zu werden wie meine Mutter. Dabei entwickelte ich so eine innere passivaggressive Einstellung, dass ich wirklich wie eine frustrierte alte Muddi vorkam. Und immer wieder kamen Menschen zu mir, die mir sehr deutlich zeigten, dass ich mal gefälligst meine Stacheln einziehen solle. Also zufriedenstellend war das nicht.


Nach diesem ersten Wochenende fing bei mir das Umdenken an. Irgendwie war ich so getroffen, dass ich immer mehr grübelte und ganz viele Sachen in Frage stellte. Meine Grundsätze, meine Glaubenssätze, das Verhältnis zu meiner Familie, Bekanntschaften und so vieles mehr. Zu dem ständigen Getrieben sein ohne Sinn und Verstand. So vergingen mehrere Wochen, der Alltag nahm wieder seine Fahrt auf und meine Kurze erkrankte mit einer unbekannten Krankheit. Keiner wusste, was ihre fehlte, was sie hatte und sie bekam die gruseligsten Diagnosen gestellt. Die Ärzte erzählten mir mit ihrer charmanten Art, dass meine Kleine eine wohl tödliche Muskelerkrankung hätte. Ich funktionierte perfekt. Aber mein Unterbewusstsein wusste es besser – ich bekam sämtliche Erkrankungen, meine Schilddrüse spielte komplett verrückt, ich sah aus wie ein Streuselkuchen und ich war so gehetzt, dass ich sogar einen schweren Unfall hatte. Mit mehr Glück als Verstand, passierte der Gegenpartei und mir nichts außer ein paar blaue Flecken. Aber mein Auto hatte es komplett zerstört – bis auf meine Seite.


Ab da beschloss ich einen Schlussstrich zu machen. Ich kündigte meine derzeitige Stelle, nahm mir Zeit für meine kleine Tochter und auch für mich. Wir blieben ein paar Wochen im Krankenhaus. Nur durch Zufall kam dann die wahre Diagnose heraus: Mädchen 2 hatte eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse – M.Basedow. Sehr selten bei Kindern, aber ein Segen nicht tödlich. Da fielen mir einige Felsbrocken von der Seele und ich bekam endlich die Zeit, viele Themen in Angriff zu nehmen. Und für mich zu kämpfen. Wer war ich denn eigentlich? Und warum genau bin ich hier?


Ich fing an, mich um mein Seelenleben zu kümmern. Viele Themen, die ich verdrängte und nicht anpacken wollte, packte ich jetzt an. Wenn ich nicht weiterkam, holte ich mir Hilfe einer lieben Freundin. Aber eins wusste ich: Die Themen musste ich allein für mich regeln. Keiner kann den Weg gehen, nur du selbst. Also habe ich nach und nach Dinge angepackt, diese in Ruhe betrachtet und Frieden damit geschlossen. Viele Themen konnte ich wie eine Inventur aufführen – bearbeiten ging zu dem Zeitpunkt noch nicht.


Nach einem halben Jahr zuhause wurde ich unruhig. Ich bin nun mal eine grottige Hausfrau, meine Kleine hat sich super gemacht und ging wieder regelmäßig in den Kindergarten – was sollte ich jetzt tun? Wie der Zufall es wollte, fand ich eine schöne Stelle in einer sehr engagierten Ergotherapiepraxis. Hier konnte ich mit einer tollen Klientel arbeiten und meine NLP Ausbildung weitermachen. So kam ich dann zum Practitioner und hatte da die Möglichkeit mit den Tools mich weiter zu erkunden. Da kam ganz schön viel hoch und ich fuhr nach jedem Fortbildungswochenende mit einem brummenden Kopf wieder nach Hause. Es war eine sehr arbeitsreiche Zeit… und ich fing an, zu erkennen wer ich wirklich bin. Und dass meine damalige Psychotherapeutin so recht hatte. Dass die Glaubenssätze meiner Mutter mich so lähmten, dass ich mir selbst so viel verbaut hatte. Aber dass ich auch vieles ändern kann, wenn ich 1.meine Mutter verstehe (es ist immerhin ihre Landkarte) und 2.mit ihr meinen Frieden mache. Meine Mutter hat niemals aus bösem Willen gehandelt, sondern nur, weil sie es nicht besser wusste. Sie hat sich selbst oft das Leben verbaut und hat nie gelernt, eigene Entscheidungen willentlich zu treffen. Sie hat immer nur reagiert – nie agiert. (Aber dazu evtl ein anderes Mal mehr). Und wenn sie mich im Gespräch fragte, ob ich das wirklich alles schaffen würde, weiß ich, dass sie es macht, weil sie es nie geschafft hätte. Und sie sich um mich Sorgen macht. Aber das braucht sie nicht – und das habe ich ihr auch vermittelt.


Der Weg ist das Ziel


Inzwischen sind wieder zwei Jahre vergangen und ich weiß nun, wer ich bin. Und was ich möchte. Es ist immer noch ein abenteuerlicher Weg und ich habe immer noch viele Mutproben zu bestehen. Viele Dinge, die ich erlernen möchte und die fernab meiner Komfortzonen sind. Langsam zeige ich mich und lerne so mehr über mich. Es ist ein verdammt spannender Weg, oft sehr steinig und unbequem, aber ich bin durch diesen Weg bei mir selbst angekommen. Und das fühlt sich großartig an.


Wie heißt es im Lied von Wolfgang Ambros Abwärts und Bergauf:


"Es braust der Sturm übers Land, Und treibt Dich vor sich her. Zu irgendein Punkt am Horizont, Des atmen foallt Dir schwer. Es rauscht des Blut in Deinen Adern, Ein Schritt und kein zurück. Der Sturm vergönnt Dir keine Ruh', Nicht einmal für an Seitenblick. Der Weg zu Dir selber hört nie auf, Hinter Dir geht's abwärts, Und vor Dir steil bergauf. (…)“


Fazit


So ist es auch bei einem Coaching – du sammelst Inputs für dich und deine Themen. Bearbeiten und Herausfinden, was du mit dem Thema machst, ist deine Aufgabe. Es ist ein Weg, der zu dir führt, zu deinen Innersten Kern. Dein Coach kann mit dir zusammen dein Werkzeugkoffer erstellen, den du für die Reise brauchst und mit dir deine Route immer wieder reflektieren. Aber eine allgemein gültige Lösung gibt es nicht – du bist ja auch nicht allgemein gültig, oder?



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